Balthasar Elischer, geboren 1818 in Preschau (ung. Eperjes, heute Prešov/Slowakei) in Oberungarn, gehörte jener breiten deutschungarischen bürgerlichen Schicht an, die Goethe und seine Zeit besonders verehrte. Um dieser Tradition und dem Zeitgeist, dem Goethe-Kult des 19. Jahrhunderts, gerecht zu werden, begann der immer wohlhabender werdende Elischer in den 1850er-Jahren Goethe-Reliquien zu sammeln. Während seiner Reisen kaufte er alles, was zu bekommen war: Handschriften, Briefe, Schattenrisse, Zeichnungen, Trinkbecher, Medaillen, Mineralien, Büsten und Bücher, darunter viele Erstausgaben. Er war häufig in Leipzig, öfter in Frankreich und England, besuchte regelmäßig Sachsen, jährlich Karlsbad und Marienbad – und kehrte jedes Mal mit wertvollen Erwerbungen heim. Obwohl seine Sammeltätigkeit nicht frei von dilettantischen Zügen war, entwickelte sich seine Sammlung allmählich zu einer wichtigen Quelle der Goethe-Philologie.

1895 umfasste die Sammlung, die als Erbe in den Besitz des Radiologen Dr. Julius Elischer gekommen war, schon mehr als 4.000 Gegenstände. Julius Elischer schenkte die Goethe-Sammlung seines Onkels der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Der Stiftungsbrief und ein Schreiben des damaligen ungarischen Unterrichtsministers an den Präsidenten der Akademie der Wissenschaften (beide von Juni 1895) informieren über die Schenkung.

Das Goethe-Zimmer, Postkarte. Foto: Mór Erdélyi, K. u. K. Hofphotograph (MS 5072/38)(MS 5072/38)

Kaum ein Jahr später, am 31. Mai 1896, im Jahr der ungarischen Millenniumsfestivitäten, wurde das Goethe-Zimmer im Gebäude der MTA eröffnet. Jährlich 1.500 bis 3.000 Besucher aus aller Welt besichtigten die Goethe-Reliquien im Laufe des 48-jährigen Bestehens der Ausstellung, wie es das zwischen 1896 und 1945 geführte Gästebuch bezeugt.

 Als der Rechtsanwalt Balthasar Elischer am 25. März 1895 in Budapest starb, ahnte noch kein Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA), von welcher Bedeutung sein Erbe für die Akademie sein würde. Kaum ein Jahr später wurde im Gebäude der MTA das Goethe-Zimmer – die viertgrößte, ursprünglich private Goethe-Sammlung der Welt – eröffnet.

Zeitgenössische deutschsprachige Berichte des Pester Lloyd vom Goethe-Zimmer:

Der Stiftungsbrief Dr. Julius Elischers

„Euer Exzellenz, Herr Minister!
Mein am 25. März laufendes Jahr dahingeschiedener Onkel, Herr Balthasar Elischer, hat seine von ihm durch mehr als vierzig Jahre mit vorzüglicher Fachkenntnis und wahrer Hingabe zusammengestellte Goethe-Sammlung in seinem Testament mir hinterlassen, mit der Betrauung, ich möge über dieselbe in seinem Geiste und im Sinne seiner Weisungen nach eigenem Gutdünken verfügen.

Ein Teil seiner Anordnungen ist in seinem eigenhändig geschriebenen Testament entwickelt, ein anderer Teil beruht auf mir mündlich erteilten Aufträgen, auf welche er sich in seinem Testament auch beruft.

Die Sammlung, welche aus einem bescheidenen Anfang, einigen Goethe-Ausgaben, hervorgegangen ist, enthält derzeit:

  1. Etwa 40 Handschriften, Autogramme und Notizen, sämtlich von Goethes eigener Hand.
  2. Eine Handschriften-Autogramme-Sammlung, aus dem Weimarer Hof- und Dichterkreise, mit Bezug auf Goethe (96 Nummern, aus etwa 123 Stücken bestehend), darunter Briefe von Schiller, Wieland, Herder, der Grossherzogin Amalie, dem Grossherzog Karl August u.a.
  3. Goethe-Bildnisse (180 Stück) und eine Porträtsammlung seiner Zeitgenossen, auf etwa 115 Kartons, in einem Portefeuille.
  4. Eine Sammlung von Goethe-Medaillen (20 Stücke in Etuis).
  5. Bibliothek: darin sämtliche Gesamtausgaben der Werke Goethes (der Zahl nach 18 Ausgaben, ungefähr 250 Bände); etwa 70 Stück Erstausgaben; etwa 2000 Nummern auf Goethe bezügliche Werke, Schriften, Kommentare, Abhandlungen; etwa 590 Nummern auf Goethe bezügliche Zeitschriftenartikel und Zeitungsausschnitte; etwa 50 illustrierte und Prachtausgaben von Goethes Werken.
  6. Einzelne Kupfer- und Stahlstiche, ein vollständiges Exemplar der Kaulbachschen Goethe-Galerie in Grossfolioformat, Goethe-Porträts in photographischen Kopien (20 Stück), teilweise in Goldrahmen.
  7. Musikalien mit Goetheschen Texten, etwa 742 Nummern, in 376 Bänden und Heften.
  8. Die Karlsbader Mineraliensammlung.
  9. Einige Goethe-Statuetten und Medaillons, in Gipsguss.
  10. Einige Goethe-Reliquien.

Den Intentionen meines verewigten Onkels entsprechend, erkläre ich, dass mir diese Sammlung unter keinem Vorwand verkäuflich ist, vorausgesetzt, dass ich mit derselben meinem geliebten Vaterlande einen Dienst erweisen kann. Hingegen bin ich bereit, dieselbe (mit Ausnahme der im Punkte X erwähnten Reliquien, die mein Familieneigentum bleiben), einem der sich mit kulturellen Aufgaben beschäftigenden öffentlichen Institute Ungarns unter den folgenden Bedingungen, im Ganzen und ungeteilt (auf Wunsch zeitweilig leihweise auch die Reliquien) zu überlassen.

  1. Ich wünsche, dass die Sammlung in einem abgesonderten geschlossenen Raume dem Zwecke entsprechend aufgestellt werde und für ewige Zeiten den Namen: „Goethe-Zimmer, Stiftung von Balthasar Elischer und Dr. Julius Elischer“ führe. In dieser Lokalität soll der Aufenthalt angenehm, zum Studieren bequem, für Beleuchtung, Heizung und Schreibrequisiten allezeit gesorgt sein.
  2. Das Intaktbleiben der Sammlung, die Pflege und Bewahrung derselben, unter fachverständiger Obhut soll vollkommen sichergestellt, die interessanteren Stücke in Glasschaukästen ausgestellt werden, und das Forttragen oder Ausleihen auch des kleinsten Stückes der Sammlung streng verboten sein.
  3. Im Interesse der Benützbarkeit der Sammlung soll: a) ein genauer fachmässiger Katalog, b) ein zweiter Katalog für das Publikum angefertigt, c) die Sammlung an gewissen Tagen zu bestimmten Stunden unter gehöriger Aufsicht für das Publikum offen gehalten, d) unter gewissen Bedingungen und unter Aufsicht auch zu anderer Zeit zum Zwecke der Besichtigung oder des Studiums zugänglich gemacht werden.
  4. Das betreffende Institut übernimmt die Verantwortung für die Aufsicht und erteilt mir, als Stifter, das Recht zur Ausübung der Kontrolle, die Aufstellung, Anordnung und Zugänglichkeit betreffend.
  5. Die Sammlung soll auch fernerhin durch Anschaffung ausschliesslich auf Goethe bezüglicher Reliquien und Werke vermehrt werden. Zu diesem Zwecke mache ich bei dem betreffenden öffentlichen Institut eine Stiftung von 2000 fl.fl. [ung. Fond in Österreich], das ist zweitausend Gulden, und es soll unter meiner Kontrolle, beziehungsweise unter meiner Mitwirkung, über die Verwendung der Zinsen dieses Betrages beschlossen werden.
  6. Das betreffende öffentliche Institut hat durch einen unserer vorzüglichen vaterländischen Künstler das Porträt Balthasar Elischers in Ölmalerei anfertigen und zu seinem Andenken im Goethe-Zimmer anbringen zu lassen.
  7. Die Sammlung soll bis zum 15. Juli laufendes Jahr übernommen und sofort in der definitiven Lokalität untergebracht werden.

Euer Exzellenz! Herr Minister! Im obigen habe ich meine Bedingungen namhaft gemacht, unter welchen ich bereit wäre, meine Goethe-Sammlung irgendeinem kulturellen öffentlichen Institute meines Vaterlandes zu überlassen. Weil ich aber vollständig davon überzeugt bin, dass wir kein zweites öffentliches Institut besitzen, welches zur Aufstellung, Pflege, Inordnunghaltung und Zugänglichmachung der Sammlung für das grosse Publikum entsprechender und geeigneter wäre, als die Ungarische Akademie der Wissenschaften, bin ich so frei, an Euer Exzellenz die ehrerbietungsvolle Bitte zu richten, mich gütigst verständigen zu wollen, ob Euer Exzellenz geneigt sein würden, unter Annahme meiner Bedingungen, die Sammlung von mir anzunehmen und dieselbe der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in ihr Eigentum zu übergeben, in welchem Falle ich mich verpflichte, die obgenannte Sammlung der Bibliothek der Akademie und meine Stiftung von 2000 fl. [ung. Fond in Österreich] in die Kasse der Akademie unmittelbar einzuliefern.

Um gütigen Bescheid bittend, bleibe ich mit huldigender Ehrerbietung Euer Exzellenz ergebener.
Budapest, 10. Juni 1895.
Dr. Julius Elischer“

Übersetzung: József György (1963)

Der Stiftungsbrief Dr. Julius Elischers vom 10.6.1895 (K121/30)

Schreiben des Ministers für Religion und Unterricht, Gyula Wlassics, an den Präsidenten der Akademie der Wissenschaften, Lorand Eötvös

Im Jahre 1895 haben die Annalen der Akademie der Wissenschaften ein bedeutsames Ereignis zu verzeichnen. Anlässlich der Plenarsitzung vom 24. Juli 1895, die unter dem Vorsitz des Präsidenten Lorand Eötvös stattfand, verlas Generalsekretär Kálmán Szily ein Schreiben, das der Minister für Religion und Unterricht, Gyula Wlassics, am 16. Juni an den Präsidenten Lorand Eötvös gerichtet hatte und das folgendermaßen lautete:

„Euer Exzellenz Herr Baron und Präsident!

Dr. Julius Elischer, Privatdozent an der Universität, Primararzt, hat die von seinem Onkel, weiland Herrn Balthasar Elischer, geerbte Goethe-Sammlung, für deren Vermehrung er auch selbst eine Stiftung von 2000 fl. niederzulegen wünscht, unter Vorbehalt gewisser Bedingungen, mir mit der Bitte angeboten, ich möge dieselbe einem der mit kulturellen Aufgaben sich befassenden öffentlichen Institute Ungarns übergeben; derselbe hat aber vor mir auch mündlich auf das bestimmteste erklärt, dass er sein Anerbieten mit dem bestimmten Bewusstsein und mit der Bitte mache, dass ich die Ungarische Akademie der Wissenschaften zur Annahme seiner Bedingungen auffordern werde, weil wir seiner Ansicht nach kein öffentliches Institut haben, welches zur Aufstellung, Pflege, Instandhaltung und Zugänglichmachung der Sammlung für das grosse Publikum geeigneter und entsprechender wäre, als die Ungarische Akademie der Wissenschaften, weshalb er sich auch für den Fall der Annahme der von ihm gestellten Bedingungen bereitwilligst verpflichtet, die Sammlung und seine Stiftung von 2000 fl. [ung. Fond in Österreich] der Akademie unmittelbar zu überantworten.

Mir hat nur ein Ziel vor Augen geschwebt, nämlich die wertvolle Sammlung für Ungarn behalten zu können, und so habe ich mit der grössten Bereitwilligkeit die Vermittlung zwischen dem Antragsteller und der Akademie angenommen, worum mich der Antragsteller ersucht hat.

Ich habe demnach die Ehre, Euer Exzellenz das Anerbieten des Dr. Julius Elischer – dasselbe zurückerwartend – mit der Bitte zu übersenden, mich darüber zu verständigen, ob die Ungarische Akademie der Wissenschaften geneigt wäre, die in Rede stehende Sammlung und Stiftung, beziehungsweise die damit verbundenen Bedingungen anzunehmen?

Genehmigen Euer Exzellenz den aufrichtigen Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung

Budapest, am 16. Juni 1895.
Wlassics“

 

Schreiben des Ministers für Religion und Unterricht, Gyula Wlassics, an Lorand Eötvös, Präsident der Akademie der Wissenschaften, am 16.6.1895 (K121/32)