Goethes frühe Gedichte hat sein Zeitgenosse und Freund Bernhard Theodor Breitkopf als erster vertont. Der 1770 erschienene Band „Neue Lieder“ enthielt Gedichte aus den Jahren 1766 bis 1769, allerdings noch ohne Nennung des Dichters. Nach und nach sind immer mehr Vertonungen entstanden, und im Laufe des 19. Jahrhunderts nahm ihre Zahl besonders stark zu. Die Sammlung von Balthasar Elischer enthielt eine reiche Auswahl aus diesem Repertoire: laut Punkt 7 in Julius Elischers Schenkungsurkunde aus dem Jahr 1895 umfasste die Notensammlung „ungefähr 782 Nummern in 376 Bänden und Heften”. Da sich dieser Bestand in die Sammlung der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften nie richtig einordnen ließ, wurden die Notendrucke am 14. Oktober 1980 in die Musikaliensammlung der Nationalbibliothek Széchényi (OSZK) überführt. Die wertvolle Schenkung wurde von den Mitarbeitern der OSZK in wenigen Monaten sorgfältig katalogisiert und im Signaturenbereich ZR 1.995–2.308 in die Sammlung eingeordnet.

So kann man heute die Notensammlung in der Nationalbibliothek einsehen. Ihre Zusammensetzung spricht dafür, dass sie größtenteils um die Mitte des 19. Jahrhunderts zusammengestellt wurde. Noten aus dem späten 18. Jahrhundert erhält sie in relativ geringer Zahl. Zu diesen gehört der zweite Band der Liedersammlung von Georg Carl Claudius (aufgelegt unter dem Pseudonym Ehrenberg) mit einer frühen Vertonung von Goethes beliebtem Maylied. Während die Gedichte Goethes in dieser Zeit oft zusammen mit Gedichten anderer Dichter auftauchen, erscheinen um die Jahrhundertwende vermehrt Publikationen, die ausschließlich Goethe gewidmet sind, so etwa die Erstausgabe von Beethovens Zyklus Drey Gesaenge von Goethe (op. 83), gedruckt 1811 in Leipzig. Im schön illustrierten Klavierauszug von Felix Mendelssohn-Bartholdys Ballade Die erste Walpurgisnacht und im Fest-Album von Franz Liszt, das zum 100. Geburtstag des Dichterfürsten erschien, steht ebenfalls Goethe im Mittelpunkt.

Notenblatt Beethovens So oder so, 1817
Brief von Franz Liszt an Peter Cornelius
Gedichtvertonung Reichardts auf Wilhelm Meisters Lehrjahre
Faust in der Musik von James SimonBerlin: Bard, Marquardt 1906.Mit zwölf Vollbildern in Tonätzung und zwölf Faksimiles. Reihe „Die Musik“, hrsg. von Richard Strauss, Bd. 21 (MTAK 398675). Im Internet steht die vollständige digitalisierte Version des Buches zur Verfügung.

Untersucht man hingegen das Repertoire aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, lassen sich eindeutige Lücken feststellen: Da die Elischersche Notensammlung weder von Robert Franz noch von Johannes Brahms Goethe-Vertonungen enthält, kann die Sammlertätigkeit in diesen späteren Jahrzehnten nur noch sporadisch gewesen sein. Diese unausgeglichene zeitliche Verteilung könnte den Verdacht wecken, dass Elischer die Noten gar nicht selbst sammelte, sondern eine frühere, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammengestellte Sammlung erwarb. Diese Hypothese jedoch wird erst die eingehendere Untersuchung der Sammlung bestätigen oder widerlegen können.

Die Notensammlung wurde nach ihrer Aufnahme in die Bibliothek der Akademie der Wissenschaften um neue Stücke erweitert. Johann Friedrich von Müllers Lieder kamen laut der handschriftlichen Widmung des Herausgebers als Geschenk in den Bestand des Goethe-Zimmers. Hugo Wolfs Goethe-Lieder dürften ebenfalls nachträglich erworben sein, da auf dem Umschlag der Possessorenstempel mit der Inschrift „Elischer” fehlt, der auf den Stücken aus der Grundschicht der Sammlung klar zu erkennen ist.

Obwohl die Notendrucke in die Nationalbibliothek verlegt wurden, enthält die Sammlung der Akademie der Wissenschaften nach wie vor zahlreiche Dokumente aus dem einstigen Goethe-Zimmer mit musikalischem Bezug. So befinden sich unter den Autographen zwei Briefe Goethes an Johann Friedrich Reichardt: In seinem Schreiben aus dem Jahr 1791 (K 115/23) lädt der Dichter den Berliner Musiklehrer zu einem Austausch über die Eigenschaften der Akustik ein. Neben Porträts von Beethoven (K 117/62), Mendelssohn-Bartholdy, Karl Friedrich Zeltner und Reichardt enthält die Sammlung Originalhandschriften namhafter Zeitgenossen. Besonders wertvoll sind ein Notenblatt Beethovens mit der Vertonung der ersten Strophe des Gedichts So oder so von Karl Lappe (K 116/97) und ein Brief von Franz Liszt an den deutschen Komponisten Peter Cornelius (K 116/27).

Die Bücherbestände enthalten ebenfalls Werke mit musikalischen Bezügen. Die vierbändige Erstausgabe von Wilhelm Meisters Lehrjahre aus 1795/1796 enthielt acht Gedichtvertonungen von Johann Friedrich Reichardt. Alle acht beruhen auf Liedereinlagen im Roman und sind hier zum ersten Mal im Druck erschienen – unter ihnen das Lied des alten Hafners, Wer nie sein Brot mit Tränen aß, das in der Abbildung zu sehen ist.

In der Zeitschrift Nagyvilág ist ein interessanter Aufsatz von Péter Halász über Goethe und die Musik zu lesen (auf Ungarisch).

Text: Dr. Balázs Mikusi (Nationalbibliothek Széchényi)
und die Ungarische Goethe-Gesellschaft

So oder so

Nord oder Süd! Wenn nur im warmen Busen
Ein Heiligtum der Schönheit und der Musen,
Ein götterreicher Himmel blüht!
Nur Geistesarmut kann der Winter morden
Kraft fügt zu Kraft und Glanz zu Glanz der Norden.

Nord oder Süd!
Wenn nur die Seele glüht!Beethovens Lied So oder so für eine Singstimme und Klavier wurde auf die erste Strophe des gleichnamigen Gedichts von Karl Lappe verfaßt und war als Beilage zur Wiener Modezeitungvom 15. Februar 1817 erschienen. Das Manuskript besaß vor Elischer die Wiener Kunsthandlung Artaria et Comp.

Das vollständige Gedicht ist hier zu lesen.

Originales Notenblatt Beethovens mit einer Vertonung der ersten Strophe des Gedichts So oder so von Karl Lappe (K 116/97)
Originales Notenblatt Beethovens mit einer Vertonung der ersten Strophe des Gedichts So oder so von Karl Lappe (K 116/97)

Brief von Franz Liszt an Peter Cornelius

Eigenhändiger Brief von Franz Liszt (1811–1886) mit Unterschrift an den deutschen Komponisten Peter Cornelius (1824–1874). Ohne Ort und Datum (K 116/27)

Gedichtvertonung Reichardts auf Wilhelm Meisters Lehrjahre

Die 1795 erschienene vierbändige Erstausgabe von Wilhelm Meisters Lehrjahre enthielt acht Gedichtvertonungen von Johann Friedrich Reichardt. Zum Gedicht Wer nie sein Brot mit Tränen aß gibt er als Gesanganweisung „In sich verloren klagend“ an. Der alte Hafner, den Wilhelm aufsucht, singt wehmütig, ist aber dank seiner Lieder nicht allein:

„Es waren herzrührende, klagende Töne, von einem traurigen, ängstlichen Gesang begleitet. Wilhelm schlich an die Türe, und da der gute Alte eine Art von Phantasie vortrug und wenige Strophen teils singend, teils rezitierend immer wiederholte, konnte der Horcher, nach einer kurzen Aufmerksamkeit, ungefähr folgendes verstehen:

Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen
Mächte.

Ihr führt ins Leben uns hinein, Ihr laßt den Armen schuldig werden,
Dann überlasst ihr ihn der Pein; Denn alle Schuld rächt sich
auf Erden.

Die wehmütige, herzliche Klage drang tief in die Seele des Hörers. Es schien ihm, als ob der Alte manchmal von Tränen gehindert würde fortzufahren; dann klangen die Saiten allein, bis sich wieder die Stimme leise in gebrochenen Lauten dareinmischte. Wilhelm stand an dem Pfosten, seine Seele war tief gerührt, die Trauer des Unbekannten schloß sein beklommenes Herz auf; er widerstand nicht dem Mitgefühl und konnte und wollte die Tränen nicht zurückhalten, die des Alten herzliche Klage endlich auch aus seinen Augen hervorlockte.“

(Wilhelm Meisters Lehrjahre, 2. Buch, Kapitel 13)

Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre. In: Goethes neue Schriften, Berlin bei Johann Friedrich Unger 1795, Bde III-V (MTAK 397.050)
Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre. In: Goethes neue Schriften, Berlin bei Johann Friedrich Unger 1795, Bde III-V (MTAK 397.050)

Johann Wolfgang Goethe:
Wilhelm Meisters Lehrjahre. Ein Roman.
Herausgegeben von Goethe. Erster-Vierter Band. Erstdrucke Berlin. Bey Johann Friedrich Unger.

  • Erster Band. Erstes/Zweytes Buch. 1795. 364 Seiten. Mit 3 Musikbeilagen: „Was hör ich draußen vor dem Tor“, „Wer nie sein Brodt mit Thränen aß“, „Wer sich der Einsamkeit ergiebt“
  • Zweyter Band. Drittes/Viertes Buch. 1795. 374 Seiten. Mit 2 Musikbeilagen: „Kennst du das Land?“, „Nur wer die Sehnsucht kennt“
  • Dritter Band. Fünftes/Sechstes Buch. 1795. 371 Seiten. Mit 2 Musikbeilagen: „Heiß mich nicht reden“, „Singet nicht in Trauertönen“
  • Vierter Band. Siebentes/Achtes Buch. 1796. 507 Seiten. Mit 1 Musikbeilage: „So laßt mich scheinen“